Jahresrückblick

Wir blicken auf ein ereignisreiches Jahr zurück, darum gibt es etwas mehr zu lesen. Dafür gibt es mehr Zeit, denn der Blog geht in die Winterpause bis Februar.

Im Februar starteten wir das Blog-Jahr mit einem Bericht vom Kaffeeanbau in Honduras und darüber, wie die Kooperative Asoprosan jungen Menschen eine Perspektive im Land anbietet. Denn der Kaffeeanbau leidet nicht nur an der Klimakrise, sondern auch am Nachwuchs. Beiden Problemen versucht Asoprosan zu begegnen. Durch breit gefächerte Unterstützung für eine Perspektive im Kaffeeanbau, mit Starthilfen und Schulungen für den agroforstwirtschaftlichen Anbau. Damit das gelingt, braucht es langfristige Handelsverträge und faire Preise. Das Beispiel zeigt, welches Potenzial in einem echten fairen Handel steckt.
Und mit der Röstung gegen Rechts von El Puente kann jede*r das Bündnis Aufstehen-gegen-Rassismus unterstützen.

Im März ging es zur Einstimmung um das Thema der diesjährigen Fairen Woche im September: Fair handeln – Vielfalt erleben. Vielfalt der Menschen, der Lebensweisen, Vielfalt der Pflanzen und Tiere – die Basis für ein gutes Leben.
Am 22. März ist Earth Hour – eine internationale Aktion für Klima- und Naturschutz. Dazu wurde in diesem Jahr in 520 Städten weltweit für eine Stunde das Licht ausgeschaltet. In Deutschland fanden sich dazu noch viele Menschen zum gemeinsamen Singen.

Im April luden wir zum diesjährigen Weltladentag unter dem Motto »Schoki fürs Klima? Kauf ich euch ab«.
Außerdem stellten wir Slow Flower vor. Dabei handelt es sich um eine Bewegung von Floristen, die Überkonsum und Ausbeutung auf den Blumenplantagen ihr Handwerk und einen fairen Umgang mit den Produzenten entgegensetzen.

Im Mai war bereits der Earth Overshootday in Deutschland erreicht – also der Tag, an dem die Ressourcen der Erde verbraucht sind, die uns in einem Jahr zur Verfügung stehen. Weltweit fiel dieser Tag auf den 24. Juli. So früh wie nie zuvor.
Außerdem zeigten wir, warum das Lieferkettengesetz für unseren Wohlstand so wichtig ist. Und wir beschäftigten uns mit der Karlspreisverleihung an die Eu-Kommissionspräsidentin von der Leyen, die die Säge an diese Errungenschaft anlegt.

Im Juni spürten wir den Ursachen für die aktuellen Kaffeepreise nach und schrieben von Aktivisten in Harriersand, die sich gegen die Weservertiefung einsetzen, mit Unterstützung von Menschen, die am Anfang der Soja-Lieferkette stehen, wo für Soja für die Tiermast Regenwald gerodet, Wasser verseucht und Menschen vertrieben werden.

Im September ist das erste Thema die alljährliche Faire Woche – Fair handeln, Vielfalt erleben. Es braucht gar nicht so viel, um zu verstehen, welche Stabilität, Sicherheit und Wohlstand uns ein fairer Umgang in Produktion und Handel bieten kann, der sich in die Lebensverhältnisse einfügt.
Ein besonderes Ereignis für den Weltladen ist die Mitgliedschaft in der Weltpartner e.G.. Damit sind wir Teil eines Handelsunternehmens, das für faire und langfristige Handelspartnerschaften steht und sich für ihre Handelspartner auf vielfältige Weise engagiert.

Der Oktober steht mit drei Einträgen im Zeichen der Filmvorführung des Weltladens im Schlachthofkino: »The Chocolate War«. Dankbar blicken wir auf die erfolgreiche Veranstaltung zurück. Wir konnten viele Menschen erreichen und mit ihnen ins Gespräch kommen.
Fakten zur Kinderarbeit bis hin zur Sklaverei in den Kakaoplantagen sind leicht zugänglich. Etwas anderes ist es, zwei Anwälte in den USA zu erleben, die die Rechte einiger ehemaliger Kindersklaven vor einem US-amerikanischen Gericht vertreten, gegen Anwälte großer Konzerne, wie Nestlé und Cargill, die die Verantwortung für die Zustände negieren, von nichts wissen wollen, was Terry Collingsworth – einer der Anwälte – bei einem Besuch in Côte d'Ivoire leicht sehen konnte.

Im November berichteten wir von Canaan Fairtrade und den brutalen Bedingungen, unter denen die Menschen versuchen, ihr Leben zu meistern. Die Biozertifizierung der diesjährigen Ernte scheiterte daran, dass kein Prüfer dorthin reisen konnte. Die Qualität ist aber die Gleiche, auch ohne Zertifikat. Das macht den Fairen Handel aus: eine verlässliche Handelspartnerschaft, die die Probleme der Produzenten kommuniziert, anstatt Verträge zu kündigen. Denn die Existenz der Menschen steht auf dem Spiel, politisch und wirtschaftlich.
Außerdem fand die Weltpartner-Genossenschaftsversammlung statt, an der wir zum ersten Mal teilnahmen. Es war ein hoffnungsvolles Erlebnis, wie Menschen sich einem gemeinsamen Ziel verschreiben und über den richtigen Weg dorthin verhandeln können.

Dezember

Und nun wünscht  Sofair eine ruhige Winterzeit.

Die Stärken der Gemeinschaft

Über unsere Mitgliedschaft in der Genossenschaft unseres Großhändlers Weltpartner e.G. haben wir bereits berichtet. Ein Vorstandsmitglied reiste zur für uns ersten Generalversammlung Mitte November nach Ravensburg, dem Sitz der Genossenschaft.

Zu den Mitgliedern zählen Weltläden, Privatpersonen und Handelspartner. Darin sind alle Beteiligten der Lieferkette an einem Tisch, bestimmen also die Geschicke gleichberechtigt mit. Und so versammelten sich gut 140 Menschen im Saal nahe des Walls, der die Altstadt umschließt – Soester*innen kennen das.

Die Genossenschaft hat im letzten Jahr zwei nennenswerte gut Krisen überstanden, eine davon hat mit den Problemen im Westjordanland zu tun, wo die Menschen unter Angriffen radikaler israelischer Siedler leiden. Dort war es Canaan Fairtrade nicht möglich, ihr Bioolivenöl biozertifizieren zu lassen, weil kein Prüfer dorthin reisen konnte. Es hat länger gedauert, die Produkte der aktuellen Ernte endlich ausliefern zu können. Allerdings wird das Öl nun konventionell gehandelt, trotz Bioqualität.

Hier liegt die Stärke einer solchen Gemeinschaft, die die existenzielle Bedrohung immerhin abfedern kann. Die Weltläden kommunizieren dieses Problem. Kunden nehmen die Erklärung an.

Weltpartner intensiviert die Zusammenarbeit mit fairafric, einem Unternehmen, das die Kakaoernte auch in Ghana verarbeitet, wodurch die Wertschöpfung im Land bleibt und vielen Menschen Arbeit und Auskommen unter würdigen Bedingungen bieten und sich eine ganze Region entwickeln kann.

Im Foyer wurde auf einer Tafel gefragt: »Warum bist du Mitglied bei Weltpartner?«

Warum sind wir das? In fast 10 Jahren Sofair-Weltladen haben wir gelernt, dass wir dem Konsumrausch und den Konzernen etwas entgegensetzen können, das geht in Gemeinschaft auch über die Stadt hinaus noch besser.

Ein Mitglied fasste zusammen: »Weltpartnerhandel ist Friedensarbeit«.

Canaan Fair Trade

Ist ein Sozialuntermehmen in Burquin in Palästina, das mehr als 2000 Kleinbauern als Fairhandels- und Vermarktungsorganisation dabei unterstützt, den Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Kultur zu erhalten. Dazu überwacht das Unternehmen den Produktionsprozess vom Anbau über die Ernte bis zur Pressung. Die fairen Preise entlang der Wertschöpfungskette werden durch eine Fairtrade- und eine Bioprämie ergänzt.
Die Organisation bietet Maßnahmen zur Verbesserung von Produktionsprozessen und Produktqualität an, sowie alles Wissen zu nachhaltigen Anbaumethoden und Umstellung auf Bioanbau. Exportiert werden Olivenöl, getrocknete Tomaten und mehr vorwiegend nach Nordamerika und Europa.

Canaan Fair Trade unterstützt das Programm »Trees for Life« der Palastine Fairtrade Assocciation, die vorwiegend Olivenbäume pflanzen, um benachteiligten Menschen im Aufbau einer Existenz zu unterstützen.

Doch da ist die politische Realität

Das diesjährige Olivenöl konnte nicht biozertifiziert werden, weil Prüfer nicht ins Westjordanland reisen können. Trotzdem ist es Bio-Öl, am Anbau hat sich nichts verändert. Kurz vor Ablauf der letzten Zertifizierung konnte ein Teil der Ernte mit großer Anstrengung noch geerntet und verarbeitet werden.

Die Palästinenser*innen im Westjordanland sind den brutalen Angriffen der jüdischen Siedler ausgeliefert. In Jenin mussten Mitarbeitende ihre Häuser verlassen. Es kann geschehen, dass ein Haus als militärischer Beobachtungsposten zweckentfremdet wird.
Frauen aus dem Flüchtlingslager, die in der saisonalen Verarbeitung gearbeitet haben, sind vertrieben worden. Nie ist klar, ob eine Straße offen oder Städte passierbar sind.
Eine neue Abfüllanlage, aus Italien importiert, steht still, weil kein Techniker einreisen kann. Verpackungsmaterialien fehlen. Internationale Partnerreisen sind kaum noch durchführbar.
Die Situation ist also wirtschaftlich wie emotional herausfordernd. Arbeit und Energie der Menschen laufen ins Leere – und niemand weiß, was aus all dem in naher Zukunft wird. Die Folgen für die Menschen im Westjordanland sind verheerend. So haben Familien seit 2 Jahren kein Einkommen aus den Oliven, die wichtigste Einkommensquelle. 30 Prozent der zertifizierten Olivenhaine konnten nicht geerntet werden, weil sie zu militärischen Sperrzonen erklärt wurden.

Fairer Handel macht den Unterschied

Der Faire Handel ist nach Einschätzung des Geschäftsführers von Canaan Fair Trade die stabilste Verbindung zur Außenwelt. Die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen gäbe Halt, wirtschaftlich und moralisch.
Die Produzenten brauchen gerade jetzt, in der Krise Verlässlichkeit, politische Aufmerksamkeit und fairen Austausch auf Augenhöhe.
Darüber schreibt Weltpartner e.G. in seinem Blog.

Gerade in solchen Situationen zeigt sich, auf den Fairen Handel ist Verlass. Die prekäre Situation der Produzenten wird nicht ausgenutzt, sondern kommuniziert. Jetzt muss die Aufmerksamkeit in politisches Handeln im Großen übergehen.

»The Chocolate War« im Schlachthofkino

Am vergangenen Sonntag hat der Weltladen in Zusammenarbeit mit Inkota e.V. den Film »The Chocolate War« im Schlachthofkino vor zahlreichen Besuchern zeigen können. Vielen Dank an alle, die den verregneten Sonntagnachmittag mit uns dort verbracht haben und für die Spenden, die wir nun an Inkota schicken können, als Dank für die Bereitstellung des Films. Ein großer Dank geht auch an Richard Nüsken für den Raum, den er diesen Themen bietet, und für die unkomplizierte Zusammenarbeit.

Hier ein paar Worte zu den Themen, die nach dem Film aus dem Publikum angesprochen wurden:

Kinderarbeit übersteigt ein akzeptables Maß, wenn Kinder zu jung zu gefährliche Arbeit viel zu lange verrichten müssen, die ihrer Entwicklung schadet, sie krank macht, sie vom Schulbesuch abhält. Wenn sie dann noch weit weg von den Familien auf Plantagen zur Arbeit gezwungen werden ohne Bezahlung, dann ist das Sklaverei.

Bei den meisten seriösen Siegeln gibt es noch Schwächen. Doch es ist schwer, in einem falschen System – Weltwirtschaft – das Richtige zu tun. Konsequent ist dies nur möglich, in einem fairen Handel als Standard. Dafür hat die Bewegung in den letzten 50 Jahren viel Vorarbeit geleistet. Wirklich existenzsichernde Preise können bezahlt werden, wenn auch wir Konsumenten bereit sind, einen Preis zu bezahlen, der dies für alle beteiligten abdeckt. Bisher muss ein erheblicher Kakaoanteil, der fair zertifiziert ist, unfair verkauft werden, weil nicht mehr abgesetzt werden kann. Das bedeutet Einkommenseinbußen für die Produzenten. Trotz Schwächen haben die Produzenten viele Vorteile im Fairen Handel.
Veränderung kann gelingen, wenn der Anblick von Nestlè-Schokolade abstößt und zu fairer Schokolade gegriffen wird, wenn wir mit unserem Konsum ein Statement abgeben.
 
Was wäre, wenn Unternehmen all das Geld, das sie in Täuschung, Vertuschung und Lobbyarbeit stecken in faire und verlässliche Handelspartnerschaften investieren würden?

Dieser Film ist ein eindrückliches Statement dafür, warum wir faire und transparente Lieferketten brauchen.

Info

Pestizide im Kakaoanbau

Monokulturen fördern Krankheiten und verstärken den Schädlingsbefall. Das ist inzwischen eine Binsenweisheit. Und doch hat der Pestizideinsatz in den letzten 20 Jahren im Kakaoanbau um 70 Prozent zugenommen. Viele davon werden weiterhin aus der EU nach Westafrika exportiert, obwohl sie hier wegen ihrer gesundheits- und umweltschädlichen Auswirkungen längst verboten sind. Die lascheren Einfuhrregeln machen es leicht. Durch den übermäßigen Einsatz dieser Präparate ist die Gesundheit von Menschen gefährdet oder beeinträchtigt, die sich auf oder in der Nähe von Plantagen aufhalten.

Die Pestizide schädigen Böden, vergiften Gewässer und zerstören die biologische Vielfalt, damit gefährden sie die Ökosysteme. In der Folge ist die Bestäubung der Blüten gefährdet, die Nährstoffversorgung aus dem Boden, so wie die natürliche Schädlingsbekämpfung gestört. Dadurch nehmen Schädlingsbefall und Insektensterben zu. Die Verschmutzung von Trinkwasserquellen und Flüssen nehmen zu und die Kakaoernteerträge nehmen ab.

1,5 Millionen Kinder arbeiten im Kakaoanbau in Westafrika. Mehr als 30 Prozent von ihnen sind Pestiziden ausgesetzt, die für sie in kleinen Mengen hochgiftig sind, sie unter anderem in ihrer Entwicklung stören.

Welche Pestizide werden entlang der Lieferketten eingesetzt? Dazu geben die Unternehmen keine Auskunft. Die gibt es nur zu Strategien zur Produktivitätssteigerung.

Doch es geht anders

Bioanbau braucht keine chemischen Pestizide. In Agroforstsystemen spenden Bäume den Kakaobäumen Schatten. Andere Nutzpflanzen werden angebaut. So wird Kakaoanbau zu einem vielfältigen Lebensraum – einem eigenen Ökosystem.
Die Bäuer*innen profitieren von einer besseren Gesundheit, weniger anfälligen Pflanzen, geringerem Schädlingsbefall und höheren Einkommen, weil sie mit Bioanbau und höherer Qualität höhere Preise erzielen können.

Leider macht der Bioanbau weniger als 3 Prozent der globalen Produktionsmenge aus.
Es braucht also Unterstützung für die Umstellung auf Bioanbau von den Unternehmen, am Ende der Lieferkette. Außerdem braucht es Maßnahmen der EU.

Der Film »Chocolate War« läuft am 26. Oktober um 17 Uhr in Zusammenarbeit mit Inkota im Schlachthofkino.